Freitag, 3. Oktober 2008

Tripelpass, Von Villafranca nach Alto do Poio (So 28.9)

Fühstück mit Bariton und Salsero. Welch ein Glück! Links neben mir sitzt Greg aus Sydney. Ein äusserst sympathischer Mitdreissiger, der gut Deutsch spricht, weil er früher Wagner interpretierte. Sein Fabel gilt aber Mozart. Als ich von meinem "Cherubino"-Erlebnis berichte, stimmt er sofort in die Arie aus dem Figaro ein. Wieder so eine Verbindung. Greg hat einen Freund aus der Ecke von Schweinfurt. Schon lustig. Sitze neben einem Bariton aus Sydney, der Deutsch spricht und Gerolzhofen kennt. Die Welt ist klein. Seit einem halben Jahr ist er nun auf "Europatournee", freut sich jetzt auf den australischen Sommer (kann ich verstehen).
Mir gegenüber sitzt Martin, den ich schon gestern Abend kennengelernt habe. Martin war vor 7 Jahren den Camino mit Hund Suse gegangen. Seine damaligen Erlebnisse hat er in dem kleinen Büchlein "Dos Pelegrinos" festgehalten, das übrigens über Amazon bezogen werden kann. Die 17-jährige (!) Suse musste heuer im Mai wegen eines Krebsleidens eingeschläfert werden. Der heurige Camino, für ihn ein Weg des Abschieds. Am "Cruz de Cerro" habe er einen 1-kg-Brocken und wie er selbst sagt, die Trauer abgelegt. Martin ist ein sympathischer, sozial sehr engagierter Mensch. Im Beruf bringt er u.a. Müttern bei, wie sie dem Essen umgehen, wie sie z.B. Brotscheiben rationieren, so dass es für alle, insbesondere auch für die Kinder, reicht. Ist doch irre! Hut ab! Wie es der Zufall so will, tanzt er gerne Salsa. Sofort sind wir dabei, uns über Interpreten auszutauschen (allein, allzu viele fallen mir gar nicht ein). Ich sag's Euch, in 80 Tagen vergisst man so einiges ...


Martin

Genug gefrühstückt, auf geht's. Ich entscheide mich für den härteren Weg nach Trabadelo (den "camino duro"). Über die bequemere Strecke an Bundesstrasse und Autobahn entlang hat sich schon Hape in seinem Buch ausgelassen. Auch der Wanderführer empfiehlt den "duro". Die meisten Pilger aus Deutschland dürften diese Variante wählen. Es lohnt sich: schöner Blick hinunter und zurück auf Villafranca, in die Bergwelt des Bierzo und auf den vierspurigen Teer.



Ich hole Angelika und Ralf aus Kiel ein und werde von Ralf sogleich mit einem Stück Käse begrüsst. Sehr nett. Später gesellt sich die Wiesbadenerin Grit hinzu (ursprünglich kommt sie aus - na - Nürnberg!). Grit erzählt, dass sie ein Buch über ihre Erfahrungen auf dem Camino schreiben wird. Sie leide an Diabetis, habe Bypässe und sei trotzdem aktiv, nicht nur auf dem Jakobsweg. Ihre Bücher fänden zahlreiche Leser. Kann ich mir gut vorstellen (grit-ott.com).


Ich verlasse diese unangemeldete Demo auf dem "camino duro" und setze meinen Weg fort. Später geht es durch einen wunderschönen Kastanienhain und dann steil hinab in das wirklich unglücklich zwischen Bundeststrasse, Autobahn und Bergwelt eingeklemmte Dorf Tarbadelo.



Zu allem Überfluss findet heute auf der Serpentinenstrecke, die von dem Ort hoch in die Berge führt, eine Autorally statt. Ja, so eine richtige Rally! Aufgemotzte Polos, Peugeots, Opel, etc. mit Überrollbügel, röhrenden Motoren, Fahrer, Beifahrer mit Helm, lärmen durchs Dorf, während Martin (ihn habe ich Tarbadelo eingeholt) und ich auf dem idyllischen Bänkchen vor dem (heute, am Sonntag, geöffneten) Sparladen sitzen und vespern. Skuril.



Martin bricht vor mir auf. Eine zeitlang geht's jetzt nicht sehr einladend an Strasse bzw. Autobahn entlang weiter, bis es ab dem Ort Vega de Valcarce, in dem sonntäglich quirliges Treiben herrscht, endlich in die Bergwelt abgeht. Weiter nach Ruitilán. Das arme Dorf: gleich zwei(!) gigantische Betonbrücken a la Brenner hängen bedrohlich über dessen Dächern.



Ansonsten ist das Kaff recht verschlafen. In der Bar treffe ich Martin und Anna, die beide in der buddhistisch geführten Herberge absteigen. Martin, weil er schon vor 7 Jahren dort abgestiegen ist und gute Erfahrungen gemacht hat, Anna, weil sie muss. Ihr linkes Schienbein ist deutlich angeschwollen. Oje, sie hätte wohl besser etwas langsamer getan. Es soll einfach nicht sein. "Muss ich jetzt sterben?" fragt sie mich, und setzt dabei eine Miene auf, die alles über ihren Gemütszustand aussagt. Bleibt die Frage, ob sie nur später oder gar nicht ankommen soll. Nur Anna kann das wissen ...


In der Kneipe läuft die Glotze - natürlich. Und was wird gezeigt? Formel 1 in Singapur. Das Rennen gewinnt, wie ich am Abend erfahre, der Spanier Alonso. Tag des Motorsports, oder?
Martin schiebt sein Notizbuch zu mir herüber und bittet mich, meine Gedanken niederzuschreiben (zu Salss, zum Weg, whatever). Ich mache das natürlich gerne. Nach zwei Rosados und einem Kaffee sowieso. Ich verabschiede mich von den beiden. Will heute noch nach Galicien.
Die Gegend erinnert ans Voralpenland: saftige Wiesen, glückliche Kühe, Wälder, Berge.




Nun geht es überwiegend durch Laubwälder über La Faba und Laguna de Castilla hinauf zum Pass bei O Cebreiro (auch Oh! Krepiero! genannt). Steinig, schattig, steil. In Laguna lege ich in einer Bar eine weitere Pause ein. Coke und Bocadillo. Bin nassgeschwitzt. Sitze draussen unter einem Sonnenschirm, aus den Lautsprechern erklingt die Geita, galicische Volksmusik. Strahlt Lebensfreude, Lustigkeit, Lebendigkeit aus. Rhythmisch erinnert sie mich an die Polka. Dudelsack, Drehleier, Chorgesang. Sehr schön. Galiciens Vorboten. 2 km später passiere ich endlich den Grenzstein nach Galicien.


Das Dorf am Pass, eben jenes O Cebreiro, ist sehr touristisch (Reisebusse, viele Unterkünfte, etc.). Kurzer Blick in die Kirche, Stempel in den Pilgerpass (Sello) und weiter geht´s.





Will im nächsten Ort Hospital de Condesa absteigen. Is nich! Completo. Sowohl Hostal, als auch Albergue. Mist! Es ist schon Viertel nach Acht, 38 km und gut 1000 Höhenmeter sind für heute genug. Bald wird´s dunkel. Stehe mit Rucksack auf dem Rücken am Tresen des O Tear (hier wollte ich eigentlich ein Zimmer beziehen) und warte das eine Lösung über mich kommt. Doch sie kommt nicht. Weder Wirtin noch biertrinkende Gäste am Tresen haben eine Idee. Doch, eine haben sie. Weiter zum Alto do Poio, dem dritten und höchsten Pass des heutigen Tages (1337 m). Nochmals knapp 3 km, überwiegend ansteigend. Was bleibt mir anderes übrig?
Gut 30 Minuten später steige ich in der Bar "Puerto de Poio" ab. Bekomme oben gerade noch den Sonnenuntergang mit. Sehr schön.



Freundlicher Empfang in der Bar, gutes Essen, aber total schäbiges Albergue. Schimmel an der Baddecke. Habe nachts kleine Tierchen im Schlafsack zu Gast. Bin am nächsten Morgen am Hals und am linken Fuss total zusammengebissen.


Wieso tun wir uns das eigentlich an? Alle, die heute Nacht hier schlafen (einige Deutsche darunter) haben es weiss Gott nicht nötig, jeden Groschen zweimal umzudrehen und dennoch. Bueno, eso es el Camino. Nö, ich tue mir das nicht mehr an. Wollte es eigentlich auch heute nicht, aber ich hatte ja keine andere Wahl.
Beim Essen plaudere ich mit einem Spanier, Mitte bis Ende 30, sportlicher Typ. Er absolviert den Camino zum sechsten(!) mal, und diesmal richtig, wie er sagt. Roncesvalles - Finisterre in 18 Tagen. Bravo! Den werde ich nicht mehr sehen.
Mein Bett liegt direkt neben dem Fenster des Schlafraums. Liege auf dem Rücken und schaue zu den Sternen hinauf. Schön. Allzulange kann ich meine Augen nicht offen halten. Buenas!

Der Wiedergänger, Von Molinaseca nach Villafranca del Bierzo (Sa 27.9)

Hi Thea, Hi Uwe, Hi Folks. Ja, ich war heute in der Pilgermesse, und es war in der Tat sehr schön. Eine Nonne hat quasi als Vorsängerin fungiert. Wunderschöne Stimme und dazu die Orgel, die Kathedrale voller Menschen, eine Menge Pilger, einige Weggefährten darunter. Ja, ein toller Moment. Allmählich setzt die Erinnerung an das Erlebte ein. Mein Gott, manches ist schon so lange her. Unfassbar. - Morgen geht's weiter nach Finisterre. Die letzten knapp 100 km und dann ist erst mal Schluss mit Wandern. Jo! Natürlich soll mir gegen Ende die Puste nicht ausgehen und so will ich versuchen, Euch auch noch die letzten Tage vor Santiago (und die, die noch kommen werden) zu erzählen. - Also fast eine Woche zurück nach Molinaseca.

Die ersten Kilometer führen mich heute Morgen bei Eiseskälte (um die 5 Grad) nach Ponferrada. Morgennebel hüllt die Landschaft ein, Maggiduft schwappt in meine Nase. Kaum habe ich den Ort verlassen, überhole ich eine seltsame Gestalt, einen Pilger im "klassischen" Outfit. Mönchskutte, Sandalen, keine Socken (der Arme muss doch frieren!), Pilgerhut, Pilgerstock mit Kalabasse. Später wird mir Martin erzählen, dass dieser Pilger sich jedes Jahr am 4. September auf den Weg nach Santiago macht. Das tut er seit 18 Jahren, aus Dankbarkeit für den überwundenen Kehlkopfkrebs. - Als ich Ponferrada erreiche ist die Sonne da. Am Ortseingang spricht mich der hohe Jens aus dem hohen Norden an. Mir war schon zuvor aufgefallen, dass er Probleme mit dem Gehen hat. Ob ich wüsste, wo das Krankenhaus ist? Hombre, no soy de aqui ...
Spässle - ich spreche ein spanisches Paar an, das gerade im Begriff ist, den Landrover zu besteigen. Pues ... es folgen viele Worte, viele Kreisverkehre (so viele, dass sie durchnummeriert werden), Puh. Mit dieser Info macht sich Jens auf den Weg. Besonders glücklich wirkt er nicht. Sein Camino habe so gut angefangen, doch dann habe er sich mit der gestrigen Etappe übernommen. Wird wohl ein Stück mit dem Bus fahren müssen.
Sie häufen sich, die Gesandten aus dem Alltag: die Damen aus Niederbayern, die Studenten aus Berlin, Jens aus Norddeutschland. Sie alle bringen irgendwie ein Stück Alltag mit. Es ist fast so, als sollte ich allmählich an das normale Leben erinnert werden. Allein, normales Leben, was heisst das schon?
Gut drei Stunden halte ich mich in Ponferrada auf. Besichtige die wirklich sehenswerte Templerburg, die sehr schön auf einer Anhöhe am Rio Sil liegt.


Ihre Ursprünge gehen auf das 12./13. Jh. zurück. Von der Burg aus haben die Tempelritter Pilger und Brücke über den Sil gesichert. 1308 haben sich die Templer dann verzogen. In den folgenden Jahrhunderten erlebte das "Anwesen" etliche Besitzerwechsel, An- und Umbauten. Das Wahrzeichen der Stadt. Im Anschluss an die Burgbesichtigung noch ein kleiner Rundgang durch die Stadt. In einem Cafe an der Plaza treffe ich nochmals Jan, mit ihm am Tisch Carolina aus Quito/Ecuador. Nun scheint es ihm schon viel besser zu gehen ;-)


Auf der Plaza fällt mir ein Denkmal auf, das einen Ehrenbürger der Stadt darstellt. Neben ihm eine Art Gasflasche. Hm. Lasse mir von zwei Passantinnen erklären (Maria und Angela), was es mit dem Herren auf Sicht hat.


In früheren Zeiten wurde auf der Plaza Eis verkauft (oder etwas Ähnliches, so ganz habe ich es ehrlich gesagt nicht verstanden) - der Herr war einer der bekanntesten dieser Verkäufer und steht stellvertretend für diese Epoche. Der Mann hat jedenfalls eine sehr angenehme, sympathische Ausstrahlung.

Weiter geht's nach Cacabelos.



so wird's gemacht:
"con pan y vino se anda el camino" (mit Brot und Wein geht man den Weg)

Auf dem letzten Kilometer treffe ich wieder die Clique um den Charangospieler Yayo aus Teneriffa. Wirken ganz schön geschafft die Jungs.


Während die drei die Kurve ins Albergue nehmen, marschiere ich weiter. Zum Abschied die seit ein paar Tagen obligatorische Frage: "Wann werdet Ihr in Santiago ankommen?". Ja, ja, das Ziel rückt näher. Vielleicht trifft man sich in der Kathedrale ...
Von Cacabelos nach Villafranca führt der Weg durch die Weinberge des Bierzo. Weinlese. Teilweise ziemlich versteckt sieht und v.a. hört man Weinbauern (und deren Familien) bei der Arbeit. Schön durch diese lebendige Landschaft zu pilgern.






Vor blauer Traubenpracht überquellende Körbe werden aus den Rebreihen zum am Weg parkenden Kleintransportern und Kleinlastern getragen und entleert. Hab' mir einen Träubel genehmigt. Sind wirklich süss die Trauben.


Auf halbem Weg nach Villafranca werde ich in einer improvisierten Garagenkneipe von einer Alten abgefangen. Gut, ein Rosado geht immer. Gut, aber die Alte und die gesamte Belegschaft kommen mir etwas Spanisch vor, lassen die sonst übliche Herzlichkeit vermissen. 10 Minuten später ziehe ich weiter.


In Villafranca angekommen mache ich sogleich einen Abstecher in die am Ortseingang grüssende Jakobskirche. Entzünde eine Kerze für meinen auf den Tag genau vor 2 Jahren verstorbenen Vater.


Quartiere mich in der Kult-Albergue "Ave Fenix" ein, werde freundlich empfangen. Das etwas schäbige Ambiente der Herberge wird offensichtlich gepflegt, hochgehalten und von (manchen) Pilgern geliebt.


Na ja, mein Ding ist es nicht. Dennoch, das gemeinsame Abendessen an einer langen Tafel ist sehr schön. Gutes Essen, gute Gespräche. Z.B. mit der Künstlerin Anna aus Düsseldorf, um die 30, musste einen Tag pausieren, da sie Probleme mit einem Bein hat, und das kurz vor dem Ziel. Sie ist betrübt. Wie bei den meisten freischaffenden Künstlern auch ihre Themen: wie sich selbst vermarkten ohne sich selbst zu verkaufen. Wertschätzung. Existenzangst. Oder mit dem freiberuflichen Familienberater Martin aus Bernau bei Berlin (war den Weg vor 7 Jahren mit Hund Suse schon mal gegangen). Sonst noch am Tisch: Brasilien, Frankreich, Spanien, Italien. Zu vorgerückter Stunde wird ein Geburtstagsständchen gesungen. Herbergsvater und Guru Jesus Jato zelebriert eine Queimada, das flambierte, galicische Nationalgetränk aus Zucker, Kaffee, Kräutern und sonstigem Geheimingredenzien. Für meinen Geschmack wird etwas zu viel Brimborium um das Ganze gemacht. Wer's mag.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Meinten Sie ...? Von Santa Catalina de Somoza nach Molinaseca (Fr 26.9)

Zunächst ein Loblied auf das Wetter der letzten Tage. Knackig kalt am frühen Morgen (um die 5 Grad), fantastischer Sonnenaufgang, herrliches Licht, blauer Himmel und Sonnenschein tagüber (um die 25 Grad). Seit vergangen Dienstag ist die Wetterlage stabil, erst heute (Mittwoch) scheint sich eine Wetteränderung anzubahnen.





Auf den ersten Kilometern nach "El Ganso", so zwischen 8 und 9 überholt mich eine Herde Pilgerdamen. Bin langsam, weil ich viel fotografiere. Das Licht ist einfach klasse, berausche mich an der Natur. Über den duftenden Strauch (Cistus Laudanus) komme ich mit den Damen, die ich später wieder einhole, ins Gespräch und erfahre, dass sie zu elft unterwegs sind und allesamt aus Regen im Bayrischen Wald sind. Sind so um die 45 bis 55, vorgestern in den Camino eingestiegen und werden bis nach Santiago pilgern. Es tut gut, nach langer Zeit mal wieder einen vertrauten Dialekt zu hören. Ein Gruss aus der Heimat. In "El Ganso" erklimmt eine von ihnen, Sonja, den Glockenturm der kleinen Kirche und singt von dort aus eine Arie in die Morgenluft der Maragateria, die Arie des Cherubino aus Mozarts "Hochzeit des Figaro". Ein schöner Moment.



Etwas weiter in "Rabanal del Camino" versorge ich mich mit Proviant und lege sogleich eine Brotzeit ein. Die Mädels ziehen weiter, der Rentner Kurt aus der Nähe von Reutlingen bleibt. Kurt ist in Konstanz aufgebrochen, hat also auch schon einiges erlebt. Das würde er gern jetzt alles los werden. Er hatte zu Beginn seiner Pilgerreise Probleme mit der linken kleinen Zehe. Der Schuh drückte, die Zehe blutete. Seine Lösung: er schnitt an dieser Stelle einfach ein Loch in den Schuh. Unkonventionell, undicht, aber erfolgreich. Nicht schlecht.



Nach der Vesper mache ich mich auf den Weg. Nun werden die Dörfer "steiniger", die Landschaft grüner. Heidekraut, Büsche, Eichen, Pinien säumen den Weg. Es geht durch die "Montes de León", welche die Maragateria vom "Bierzo" trennen.


Schneisen mit Hochspannungsleitungen durchziehen die Hügel, Windkraftturbinen sitzen oben auf den Graten. Was "zerstört" die Landschaft mehr? Für mich keine Frage.


Schliesslich ist der Pass, ist "Cruz de Ferro", erreicht. Laut Wanderführer einer der symbolträchtigsten Punkte des gesamten Jakobswegs.


Naja, ein Pass, ein Eisenkreuz, viele von Pilgern zusammengetragene Steine. Ja. Eine tiefe Wirkung spüre ich an diesem Ort nicht. Den Steinhaufen habe ich mir viel grösser vorgestellt. Eine Aussicht hat man auch nicht. Sehr schön ist die hervorragend erklärte Sonnenuhr, die neben dem "Cruz" errichtet wurde. Den Zeiger macht der Pilger selbst.


Er stellt sich je nach Jahreszeit in das passende Kästchen, rechnet eine Stunden- und Minutenkorrektur ein, und kann dann die minutengenaue Uhrzeit ablesen. Faszinierend.
Ich lege meinen in Kornburg aufgenommenen Stein ganz oben am Fuss des Eichenstamms ab, und damit eine Last, die ich 2300 km mit mir rumgeschleppt habe. Das tut gut.


Niederbayern ist übrigens auch zugegen. Gruppenfotos, Steinablegefotos.


Mir werden die verschiedensten Digicams in die Hand gedrückt. Wenn´s im Job schlecht laufen sollte, fange ich nach meiner Rückkehr in einem Fotogeschäft an :-))
Als Kurt am "Cruz" ankommt steuert er schnurstracksgerade auf mich zu. 2 Steine, Foto, komm mit, usw. Puh. "Kurt, bin auch gerade erst angekommen, würde gerne etwas verschnaufen, ankommen, ...", er versteht und zieht sich zurück.
Als einer der letzten verlasse ich den Ort. Die kultige Bar "Bei Tomás" und damit Niederbayern und Kurt lasse ich links liegen. Einige Kilometer lang bleibt der Weg noch auf der Höhe, es geht auf und ab durch die "Montes de León", bis schliesslich ein steiler Abstieg nach "El Acebo" führt. Unterwegs eine unheimliche Begegnung der besonderen Art. Eine Schlange liegt auf dem Weg, zischt mich an. Ich erschrecke und mache einen Satz zurück.



Das erste mal auf meiner Pilgerreise, dass ich richtig Angst habe. Die gut einen halben Meter lange Schlange verzieht sich gemächlich im Gebüsch. Es dauert zwei weitere Minuten, bis ich mich endlich traue, die Stelle zu passieren. In "El Acebo" steigen viele ab. Ich lege eine Pause in einer Bar ein, genehmige mir ein Radler, ein Bocadillo und sinniere über dieses Poster während ich das Brötchen vertilge.


Yayo der Charangospieler und seine Clique sitzen am Tisch in der Ecke . Ganz stolz erzähle ich ihnen von dem eben bestandenen Schlangenabenteuer.
Gestärkt steige ich weiter in das hübsche und ziemlich touristische Örtchen "Molinaseca" ab.


Auf diesem Streckenabschnitt eine völlig gewandelte Landschaft. Sattes Grün, ganze Felder von Cistrose (Ihr erinnert Euch?), ein Aromabad ohne Gleichen, meine Nase freut sich, Schmetterlinge tänzeln, dito die Vögel (Goldammern? Rotkehlchen?).



Über eine Römerbrücke erreicht man den alten Ortsteil, die Pilgergasse, die an alten Steinhäusern entlang führt. In der Bar am anderen Ende der "sirga peregrinal" begegnen mir zum dritten Mal die beiden Norweger Trina und Katu. Jetzt müssten wir aber wirklich die Adressen austauschen, meint Katu. Das verschieben wir auf später - ein Fehler. Wir werden uns nicht mehr sehen - zumindest an diesem Abend nicht. In den Gassen riecht es nach Holzfeuer. Zwei Alte holen die Paprikaernte ein. Ein Traum. Es ist Herbst.


Ich quartiere mich in einer sogenannten "Casa Rural" ein. Nicht ganz billig, aber ein eigenes Zimmer mit Flair in einem alten Landhaus mit Flair. Im Erdgeschoss des Hauses ein quadratischer etwa 100 qm grosser Raum, früher vermutlich der Stall, ist jetzt der Aufenthaltsraum für die Gäste: Küchenzeile, Kamin, Schreibtisch, alter Kram an den Wänden, Steinboden. Letzterer hat es in sich. Auf den Unebenheiten fühlt man sich wie ein Betrunkener. Selbst die Wirtin hat Probleme mit der Koordination. Wein nach Belieben, Frühstücksraum.


In einem Restaurant esse ich zu Abend (Pilgermenü) und kehre bald zurück. Treffe im Aufenthaltsraum auf die Berliner Jens, Tina, Carsten, Franziska.


Pilgern auf die angenehme Art. Haben in Ponferrade angefangen und werden kommenden Donnerstag schon wieder aussteigen. Nicht zu schaffen, daher steht Busfahren an. Wir unterhalten uns angeregt. Wortführer ist Jens ("Chens"), der Schnellkapierer in der Runde, so nenn ich ihn einfach mal. Erinnert mich an einen Typen aus meiner Studienzeit. Wir diskutieren Eigenheiten von Sprachen. Z.B. die Sache mit dem "i". Das gibt es mit einem Punkt (klar), ohne Punkt (im Türkischen) und mit zwei Punkten (im Französischen). Jens erzählt, dass er in der Türkei mal das Problem gehabt habe, das "i" mit Punkt auf der Tastatur nicht zu finden. Was tun? Mit Google suchen und die Funktion "Meinten Sie ..." verwenden. So einfach wie genial. Das gefällt mir. - Übrigens, schon mal googlefight.de ausprobiert? Was man auf dem Camino so alles erfährt!
Als ich mich ins Bett verabschiede, holen sie die Karten hervor. Nein, heute mal nicht Texas Hold'em, sondern Skat.

Zwischenruf

Hi Folks, es ist so weit, morgen Abend werde ich in Santiago ankommen. Ich kann´s nicht glauben. Nach knapp 2600 km. Por fin ... An einem Donnerstag bin ich losmarschiert, exakt 12 Wochen später, wieder an einem Donnerstag, werde ich ankommen. Bin gespannt, wie sich der morgige Tag anfühlen wird. Im Moment bin ich noch ziemlich entspannt. Sitze in einer Kneipe in Arzua, habe gut gegessen, die Rotweinflasche ist noch halb voll ...
Schon irgendwie lustig, dass Manfreds Kanzleieinweihung (Manfred, Glückwunsch von hier aus, werde morgen auf Dein neues Büro, Deinen "neuen Status" einen heben) und meine Ankunft in Santiago zusammenfallen.
Wie geht's weiter? Santiago, Freitag um 12:00 Uhr Messe in der Kathedrale, Pause, dann die knapp 100 km ans Ende der Welt, nach Finisterre, an den Atlantik. Dann ist Schluss mit Pilgern/Wandern/Gehen. Mit dem Bus zurück nach Santiago, Stadt und v.a. Bars geniessen, entspannen, resümieren, Rückflug. Freue mich auf Euch!
@Nadja, Du träumst von meiner Rückkehr? Was das wohl zu bedeuten hat? - Schönen Urlaub!
@Ulla, @Uwe Danke für Eure Hintergrundinformationen zu P(r)imperan. Falls ich diesbezüglich nochmals Unterstützung brauche (was hoffentlich nicht der Fall sein wird), werde ich mich gerne an Euch wenden.