Mittwoch, 24. September 2008

Walk-with-me, Von Tardajos nach Boadilla del Camino (Sa 20.9)

Hi Folks, ich schaffe es einfach nicht, mit dem Blog ans Jetzt anzuknüpfen. Daher vorab die Info, dass ich heute bereits Astorga hinter mir gelassen habe. Morgen geht's zum Cruz de Ferro zum Steinchen ablegen, einem Höhepunkt der Pilgerreise. Allmählich macht sich Euphorie breit. Ich kann Euch sagen ... So, zurück in die nahe Vergangenheit - Samstag.

Bin schon um halb Acht auf der Piste. Es ist noch finster. Hänge mich an das Ehepaar Chantalle und Jacques aus Kanada. Die werden schon mehr Erfahrung mit dem Pilgern im Dunkeln gemacht haben, denke ich mir. Will mich ja schliesslich nicht verlaufen.


Die beiden sind zum ersten mal in Europa, und dann gleich auf diese Weise. Interessant. Nach etwa einer Stunde verabschiede ich mich von den beiden und nehme meine Standardreisegeschwindigkeit wieder auf.
Fantastische, märchenhafte Stimmung heute Morgen. Strohballen, die gespenstisch aus dem Nichts auftauchen. André und Antoni, die beiden Polen, holen mich ein. Dachte mir schon, dass die beiden auch flott sind, haben etwa mein Tempo.


Bei jedem meiner Fotostopps (und deren gibt es viele) rücken sie ein Stück näher. Bis in den Nachmittag hinein spielen wir Katz und Maus, dann verliere ich sie aus den Augen.



Ab etwa halb Zehn kommt die Sonne durch. Es wird ein sonniger Tag.
In Hornillos del Camino versorge ich mich in einem kleinen Laden am Weg mit Proviant. Sympatischer und äusserst netter Verkäufer. Wir unterhalten uns. Gibt mir zum Abschied einen Flyer mit. Das Hotel in Finisterre würde sein Cousin betreiben. Ich soll einen schönen Gruss von Jesus aus Hornillos ausrichten, das gäbe Sonderkonditionen. Wir werden sehen.

Einige Meter weiter sehe ich Tylor aus Oregon auf einer Bank sitzen und ein Bocadillo verspeisen. Ein junger Schäferhund hockt vor ihr und stiert sehnsüchtig auf das Wurstbrot. Tylor, die auf die 60 zugeht, ist verdammt schnell.





Wir gehen zusammen weiter, getreu des Mottos "A good companion makes miles shorter." Das hatten wir schon mal, Ihr erinnert Euch? In Hontanas führt der Camino an einem schön gelegenen und atmosphärisch angenehmen Hostal mit angeschlossener Bar vorbei.



Zig Pilger (und ein Kätzchen) haben sich zu einer ersten (zweiten?) Rast eingefunden. Die Sonne lädt zur Einkehr. Wir tun es ihnen gleich. Ich lade Tylor auf einen Kaffee ein. Eine junge deutsche Frau schmeisst den Laden ("habe letztes Jahr den camino gemacht und bin zurückgekommen"). 10 km weiter, in Castrojeriz, revanchiert sich Tylor mit einem Radler (meine Empfehlung, das Getränk kannte sie bisher nicht).



Castrojeriz ist ein schnuckliger Ort mit vielen Kirchen und einer Ruine, die hoch oben auf einem Hügel über dem Ort thront. Tylor macht hier Etappe - ich muss weiter. Die Frau ist eine skurile Type. Mit 50 habe sie ihr Leben grundlegend verändert, habe damals gedacht "When I got so old, I can do anything". Sie beschliesst das zu tun, was ihr Leben ist: Wandern, Trekken, Hiken, wie immer man es nennen will. Beginnt Kurse zum Thema "Hiken" zu geben (Technik, etc.) und organisiert später Trekkingreisen in den Staaten, in Europa und sonst wo (England, Italien, Marokko, nächstes Jahr Deutschland). Unter walk-with-me.com kann man sich ansehen, was sie so vorhat. Klasse. Sie macht das alles allein, hat keine Partner vor Ort. Schaut sich die geplante Tour im Vorfeld an. That`s it. Da kommt es schon mal vor, dass es nicht glatt läuft. Z.B. neulich in Italien. Sie wusste nicht mehr weiter, brütete über den Karten, während ihre Schützlinge stolz erzählten, wie schön die Blumen doch seien. Mitteilen konnte sie ihr Problem freilich nicht. Sie schaut mich an und meint lakonisch: "Or should I tell them, we all gonna die?" Und lacht dabei wie Weiland J.R. Hewing "Ha, ha, ha" tief aus der Brust. Die Frau hat Humor. Sie stammt aus einer Bauersfamilie, wuchs mit 6 Geschwistern in Wyoming auf. Da kam schon in der Kindheit keine Langeweile auf. Die Kinder mussten mit anpacken. Eines Tages habe sie ihr Vater gefragt, ob sie nur in der Küche oder auch auf dem Feld aushelfen wolle. Sie entschied sich für letzteres. Pferde, Traktoren, Kühe - eine Zeitlang ihre Welt. Kennt sogar die Marke des Traktors, der drüben im Feld geparkt ist. Die Landschaft, durch die wir heute gehen, würde sie sehr an ihre Heimat erinnern. Meine Frage nach der Versicherung für ihr Business beantwortet sie wieder in ihrer lakonischen Art: "Weder ich, noch meine Kunden sind versichert. Die müssen sie sich selber drum kümmern." Und sie fügt an: "They can sue me. Not a problem for me. You cannot squeeze blood out of a turnip." Ich sag ja, die Frau hat Humor. Von ihr erfahre ich, dass man auch in der Neuen Welt Verrücktes tun kann, z.B. den Pacific Crest Trail (@Norbert: schon mal davon gehört?). In Mexiko beginnend, Tausende von Meilen überwiegend schön den Kamm diverser Bergketten entlang, unter erheblichem logistischen Aufwand (Lebensmittel an einen Ort schicken und so), Grizzlys und andere nette Bewohner auf dem Weg, Hunderte von Meilen ohne auch nur eine Menschenseele zu treffen, und, und, und, bis nach Alaska.
Eines weiss ich. Das muss ich nicht haben. Nothing for me. Und noch eines weiss ich. Auf dem Gipfel des Mount Everest werde ich niemals stehen, aber im Basecamp und zum höchsten Punkt der Erde hoch schauen. Das ist nämlich kein grosses Ding. Matthias (aus Bochum) hat das schon gemacht und mir wärmstens empfohlen. Aber ich schweife ab, zurück auf den camino.
Nach dem Radler sage ich Tschüs. Es ist etwa vier Uhr, brütende Hitze in Castrojeriz. Kein Lüftchen. 4 km steigt der Weg zu einer Anhöhe hinauf.


Von hier aus schöner Ausblick in die Meseta. Ein Fleckenteppich von Getreidefeldern, Äckern in verschiedenen Brauntönen, eingebettet in eine überdimensionale Rinne, die noch etwas aufgebogen wurd, breitet sich vor mir aus.



Ich schreie vor Freude, bin glücklich. Als etwas später ein Schmetterlingspärchen, der eine dottergelb, der andere in tiefem Meeresblau meinen Weg kreuzen, wird mir ein weiteres, wenn auch nur sekundenlanges Glücksmoment geschenkt. Rast und Fusskühlung an der Quelle "Fuente el Royo". Anschliessend ziehe ich die letzten 10 km nach "Boadilla del Camino" durch.



Um halb Acht komme ich an der Herberge "En el camino" an. Sehr freundlicher Empfang von Eduardo (lebt in Argentinien und arbeitet jeweils in der Sommersaison in Spanien bzw. in seiner Heimat, kennt sozusagen keinen Winter - und keinen Urlaub?).


Eduardo und Partner

Einzelzimmer, Dusche, Abendessen (Linsensuppe - sehr lecker!! - Fisch). Das Essen nehme ich an der Stirnseite einer langen Tafel in illustrer Gesellschaft ein. Zu meiner rechten Lulu, Franzose, um die 60, ist vor 2900 km in Athen aufgebrochen und über Bulgarien, Rumänien, Slowenien, Italien und Frankreich schliesslich nach Spanien gelangt. Der Typ wandert/pilgert im Sommer und arbeitet im Winter als Busfahrer im Skizirkus, hat kein zuhause, lebt, wie er sagt, im Zelt. Links neben mir Gale, ebenfalls aus Frankreich, um die 30, dann Anja, Studentin aus Deutschland und deren Freundin Stefanie, ebenfalls Studentin aus dem Elsass, derzeit in Saarbrücken studierend. Und am Ende sitzen da noch einige Italiener und ein Brasilianer, von denen ich allerdings nicht allzuviel mitbekomme.

Hape Kerki Bitt für uns! Von Burgos nach Tardajos (Fr 19.9)

Am Morgen aktiviert ein Franzose beim Versuch das Licht einzuschalten die Alarmanlage der Herberge. Bei dämmrigem Licht grapscht er solange an dem Kästchen rum, bis es Tüt mach. Tja ... Anfangs lustig, bald nervig. Ich mache mich auf die Socken. Es ist etwa halb Neun, der Himmel bedeckt, kühl. Kaum ein Mensch in den Gassen, nur ein paar verloren wirkende Pilger. Die Läden verriegelt. Welch ein Kontrast zur Lebendigkeit des gestrigen Abends. Ein bisschen frustrierend.
Frühstück in einer Bar, Menschen, warmer Kaffee, Croissant. Danach geht es mir besser. Bin bereit, die Kathedrale zu besichtigen. Erlebe ein beeindruckendes gotisches Gotteshaus, das mich als künstlerische, architektonische Meisterleistung fasziniert und ob der Ausdauer von Bauherren und Baumeistern, die notwendig war, um so ein Bauwerk zu errichten. In den späteren Bauphasen des 13.-15. Jhdts haben hier sehr bedeutende Meister gewirkt. Zweifelsohne ist so ein Bau eine kulturelle Errungenschaft der Menschheit.



Die Tatsache, dass ganze Landstriche für deren Entstehung bluten mussten, vergisst man, wenn man davor steht oder durchs Portal eintritt. - Innen recht unübersichtlich, verbaut. Die Musik spielt in den Kapellen, die um das Hauptschiff angeordnet sind. Übe mich im Führungs-Hopping, lausche bald dieser Gruppe, bald jener. In einer Kapelle grüsst Freund Jakob, der mir inzwischen sehr vertraut ist.


Wie ich heute erfahre, ist Santiago Schutzpatron der spanischsprechenden Welt. Das wird am 12.10 gefeiert, der 25.7 hingegen ist der Tag des Heiligen Jakobs (Namenstag). Und wenn dieser auf einen Sonntag fällt, dann liegt ein Heiliges Jahr vor (zuletzt 2004). Dann ist auf dem Camino die "Hölle" los. Prunkstück der Kathedrale ist die Kapelle der Condestables. Laut Führung war diese Kapelle ein Geschenk von Isabel la Catolica an ihren Gemahl Fernando, um ihn für die Reconquista zu motivieren. So recht glauben kann ich das nicht, denn in der Tumba liegen die Gebeine der Vizekönige begraben. Isabel und Ferdinands Gebeine hingegen sind in der Kathedrale von Granada bestattet. Bueno, wie dem auch sei, eines fällt beim Betrachten all der Grabesstätten jedenfalls auf: je höherrangig die Begrabenen, umso jünger ihr Antlitz auf der Grabplatte und umso langlebiger das Material. Der harte Marmor hier, der weichere Alabaster dort.


Im Informationsbereich wird u.a. eine 3-D-Animation zur Entstehungsgeschichte der Kirche gezeigt. Zu Beginn (10. Jhdt.) stand hier eine romanische Basilika. An deren Stelle wurde vom 11.-15. Jhdt. die gotische Kirche errichtet, wie sie im wesentlichen auch heute noch steht. Später (16.Jhdt.) kamen Erweiterungen an den Türmen hinzu, dann die Kapelle der Condestables. Barocke Erweiterungen (Portale, Kreuzgang) im 18. Jhdt. und Rokkoko schliesslich in der Sakristei. Jetzt hat Multimedia also auch in den Klerus Einzug gefunden. Mir gefällt's.




Zurück ins Weltliche. Nummernziehen im Schreibwarengeschäft, wo ich einen Notizblock kaufen will. Ein junges Pärchen erklärt mir, wie das System funktioniert. Später begegnen wir uns noch mal auf der Freitreppe zum Kathedraleneingang (Puerta "Samental"). Sie erkennen mich und fragen, ob sie ein Foto von mir schiessen sollen. Aber natürlich. Ein Erinnerungsfoto von José und Angelica gibt's obendrein.



Mittag, Pause in einer Arbeiter-Senioren-Bar. In der Glotze läuft Tennis. Skurile Typen. Gucken, schweigen, quatschen (...este cabrón...superman...maricón...). Keine Ahnung über wen oder was die reden. Hoffentlich nicht über mich ;-) Der Barkeeper (gut gebaut, langes schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, gut gelaunt) hat ständig zu tun. Nachschenken, Tapas nachlegen, etc. Ich esse ein Bocadillo, dazu zwei "Rosados" - ay que bién! Später Internet.
Um Fünf mache ich mich auf den Weg ins 11 km entfernte Tardajos. Mehr ist heute nicht drin. Tschüss Burgos.


So unansehnlich und langwierig der Eingang in die Stadt war, so kurzweilig ist der Ausstieg. Ein Park, einige Wohnhäuser und schon liegt die Stadt hinter mir. Die Strecke nach Tardajos ist nicht der Rede Wert. Flach, langweilig. Autobahnüberquerung, Eisenbahnunterführung. Hier entdecke ich das Graffiti: "Hape Kerki Bitt für uns!".


Ich steige in der einfachen Gemeindeherberge ab. Ausser mir im Vierbettzimmer die beiden Polen Antoni (36) und André (47). Nette Zeitgenossen mit denen ich mich auf Tschechisch-Polnisch-Spanisch unterhalte. Ganz schön holprig, aber es geht. Die beiden gehen auch so um die 4o km am Tag. Später bezieht der dunkelhäutige George aus Togo resp. Österreich das letzte freie Bett. George lebt seit 8 Jahren in Österreich, arbeitet für die Caritas, war früher Priester, wenn ich's recht verstehe. Heute jedenfalls ist er k.o. Hat 'ne lange Etappe hinter sich. "Ab jetzt lasse ich es langsamer angehen", redet er sich zu. "Ist ja schliesslich auch eine Art Urlaub", sagt er, der in Roncesvalles angefangen hat.
Duch die dunkle Nacht gehe ich hoch zur Plaza um einen Happen zu essen. Irre Stimmung. Stille, funzlige Strassenbeleuchtung, ein Hauch von Südamerika, Kuba in den Gassen.
Es gibt einen üppigen gemischten Salat mit Thunfisch (primero) und einen öltriefenden Fisch (segundo). Letzterer nicht so mein Fall. Im Comedor steht ein PC. Ich nutze die Chance. Dummerweise ist es nach Mitternacht, als ich mich losreissen kann. Wie befürchtet ist die Tür zur Herberge verschlossen. Schei...! Ich klingele den Hospitalero raus. Muss sage und schreibe 10 Minuten auf ihn einreden, bevor er mir die Tür zum Schlafsaal öffnet. Der Typ hätte mich glatt bei eisiger Kälte auf der Bank sitzen lassen. "Hombre, no puede ser, me muero por aqui."

Wir kommen aus Atapuerca, Von Belorado nach Burgos (Do 18.9)


Aufbruch

Diesig am Morgen. Weites Land, Hügel, Felder im Nebel. Sehr schön. Vor Tosantos lehnt der Blondschopf Mathew aus Kanada an einer Hauswand. Schnappschuss.





Die nächsten etwa 20 km geht´s auf dem Pilgerhighway weiter. Zwischen Villafranca und San Juan durch ein ausgedehntes Waldgebiet, Eichen, Pinien. Erstmalig in Spanien, zunächst steil bergan in die "Montes de Oca". Gut, weil Schatten spendend. Rote Piste, Pilger auf der Perlenschnur.



Auf dem Weg Plausch mit Paco und Francisco. Ich quatsche die beiden wegen ihres bunten Outfits an. Grün und Orange die T-Shirts, Panamahut auf dem Kopf. "Puedo saccar un foto?", "Claro hombre".


Die beiden gehen nicht schnell, aber kontinuierlich. Den Grund zeigt mir Francisco: aus seinem Turnschuh quillt Blut. "Wenn ich einmal stehen bleibe, kann ich mich nicht mehr aufraffen." Wenig später Plausch mit Jose-Maria und Francisco. Letzterer fällt mir wegen seines Outfits auf. Er trägt ein blaues T-Shirt mit gelbem Pfeil auf Brusthöhe.


Der Pfeil, uns Pilgern ins Hirn gebrannt, zeigt an, wie der Camino weiterführt. Hunderte, Tausende sind entlang des Caminos, auf dem Land wie in den Städten angebracht. Erstmalig kommt das EM-Finale zur Sprache. Ich gratuliere. Spanien hat´s wirklich mal verdient, einen Titel zu gewinnen. "Der WM-Titel gehört uns auch, wir haben ein junges Team", gibt Jose-Maria selbstbewusst zum Besten. ¡A ver! - Am Nachmittag ist es ruhiger. Auf der Strecke nach Atapuerca treffe ich nur noch den bärtigen "chico" aus der Mancha. Für ihn ist in Atapuerca Schicht. Ich ziehe weiter, will heute noch nach Burgos. Ankunft in Atapuerca gegen Drei zur Siesta.


Hitze, die Luft steht, kaum ein Mensch zu sehn. Ich mache Brotzeit, stärke mich noch mal vor den letzten 20 km. Atapuerca ist ein Kaff, aber doch ein bedeutsamer Ort. Heimat der ersten Europäer. In der Nähe wurden in Höhlen 800000 Jahre alte menschliche Überreste gefunden. Aus dieser Ecke Europas kommen wir also. Pilgern, eine Reise in die Heimat unserer Urur...urgrossväter.
Von Atapuerca geht es zunächst bergan auf eine Anhöhe zu einem Holzkreuz. Am Wegesrand plötzlich eine Riesenfläche mit Krokussen. Wie ich erst jüngst erfahren habe, wird aus deren Blüten in mühevoller Kleinarbeit Safran gewonnen. Könnte zupfen und mein Budget aufbessern. Na, das lass ich doch lieber.



Von hier oben aus kann man erstmalig hinunter auf Burgos blicken. Ein schöner Moment. Jetzt bin ich endgültig allein, fast allein. Denn oben am Kreuz treffe ich auf eine Gruppe von 5 Polen, alle um die 50. Verblüfft erblicke ich das Auto, das sie mitgebracht haben. Man klärt mich auf: Vier wandern, einer (mit GPS-Empfänger ausgestattet) steuert das Begleitfahrzeug. Erinnerungsfoto.
Den wandernden Teil der Gruppe hänge ich schnell ab. Dann wird´s auf den restlichen 15 km wirklich einsam.


Zunächst hinunter nach Orbaneja de Riopico, einen weithin sichtbaren Steinbruch ständig im Blick. Hässlich aber später hilfreich, als ich zurückblicke und den eben gegegangenen Weg nachverfolge. Weiter geht´s über eine Autobahn und dann ewig am Flughafen entlang ("Peter, was tust Du hier eigentlich, Du spinnst doch!" - aber das vergeht). Nachher wird's noch schöner. Kilometerlang durch ein Industrie- und Gewerbegebiet (Autohändler, Keramikfirmen, Muebles Rey, usw., rege Bautätigkeit).


Glücklicherweise ist die vierspurige Strasse, entlang der ich jetzt stapfe, wenig befahren. Es geht schon auf Sieben zu. An das Gewerbeareal schliessen sich Wohnburgen an: 10 Stockwerke, oben wird gewohnt, unten eingekauft. Das geht ein paar Kilometer so, bis schliesslich die Altstadt erreicht ist. Unterwegs komme ich an einer Plaza vorbei, die folgendes Bild zeigt: eine Bar klebt an der anderen, gegenüber ein Spielplatz. Die Grossen sitzen in den Bars, trinken und quatschen, die Kleinen toben auf dem Spielplatz, bewegen sich und quietschen. Win to Win! Klasse! Auch auf diesem Streckenabschnitt: eine andere Plaza mit Neubauten. Puh, da hat sich ein Architekt in Sachen "Farben aus der Puppenstube" ausgetobt. Ich denke mir: an den Sünden von Architekten müssen Generationen leiden. In der Softwareentwicklung ist das anders.
Quartiere mich in der Albergue "Santiago y Santa Catalina" unweit der Kathedrale ein. Neu, aber nicht der Hit. Sehr eng, unfreundlicher Empfang. Die Ungarin Viktoria liegt im Nachbarbett und spielt Frage-Antwort-Spiel mit mir, wahrend ich mich einrichte. Bueno chica, tranquilo ... Abendessen im Restaurant "Morito". Nicht der Rede wert. - Es ist ein lauer Abend, die Stadt tobt. Bars, Cafes, Restaurants platzen aus allen Nähten.



Die ganze Stadt scheint auf den Beinen, Jung und Alt. Sehr schön, besonders das generationenübergreifende Miteinanander finde ich Klasse. Gerne würde ich ins Gewimmel eintauchen. Allein, um 10 ist Zapfenstreich. Ausserdem bin ich platt. Heute waren es 53 km, bisher die längste Tagesetappe.

Montag, 22. September 2008

Hühner in der Kirche, Von Santo Domingo de la Calzada nach Belorado (Mi 17.9)

Hi Uwe, es soll Leute gegeben haben, die gegen Ende zu sehr langsam geworden sind, weil sie nicht ankommen wollten. Das Gefühl habe ich im Moment jedenfalls noch nicht. Ich will ankommen (vorgestern 51 km, gestern 44 km !).
Bin in San Nicolás, Mittag, habe gerade mit dem netten Peter aus Mittelengland einen Kaffee geschlürft. Regen seit heute Morgen. Wenn ich der netten Bardame glauben darf, dann wird's eine Woche lang feucht bleiben. Na toll! Zumindest hat sich die Investition in den Regenschirm dann wenigstens rentiert. Heute Morgen hat er sich jedenfalls schon bestens bewährt :-)

Zurück nach Santo Domingo. Am Morgen Abstecher zur Kathedrale, die um diese Uhrzeit leider noch geschlossen ist. Schade, hätte mir gerne die lebenden Hühner angesehen, die in der Kirche in einem gotischen Käfig gehalten werden. Santo Domingo ist der Ort, in dem sich die Legende von dem pilgernden Vater-Sohn-Gespann zugetragen haben soll, von der hier schon früher die Rede war (siehe Kapitel Tafers, Schweiz: Sohn wird am Galgen aufgeknöpft, weil er die Wirtstochter verschmäht, dem Richter fliegen die Hühner vom Teller, ihr erinnert Euch?). - In einer Bäckerei verkauft mir eine Russin(!) das Brot für den Tag. Blond, Akzent, das kommt mir spanisch vor und stellt sich als russisch heraus.
Kurz hinter Santo Domingo verlässt der Camino nach Überquerung des Rio Oja (daher Rioja! - wieder was gelernt) und einem langgezogenen Anstieg die Region "La Rioja".




Nun geht's tagelang durch Kastilien-León. Abgemähte Felder so weit das Auge reicht.







Fantastische Landschaft. Auf den ersten Kilometern am Morgen ist die Bundesstrasse noch einige Kilometer entfernt. Man sieht den Schwerverkehr, aber man hört ihn nicht. Es herrscht Stille, nur die eigenen Schritte dringen ans Ohr. Ein merkwürdiges Gefühl, als sei die Szenerie in Watte gebettet.
Vormittags hängen Wolken am Himmel, es ist diesig, nicht mehr so heiss. Bisweilen brist der Wind auf. Wandern mit der Frage: "Fleece an oder aus?". Blick in ewige Weite, in sanfte Hügellandschaft. Später kilometerlang entlang der Bundesstrasse N 120. LKW-Fahrer grüssen mit (Licht-)Hupe.


Beim Einlaufen nach Belorado komme ich kurz mit dem Iren Derek ins Gespräch. Er erzählt, dass er in dem Albergue am Ortseingang auf keinen Fall absteigen konnte. Dort flatterten Fahnen aller möglichen Nationen, sogar der Union Jack, aber nicht die Irische. Stupid!
Ich belasse es heute bei der relativ kurzen Etappe von 24 km, bleibe in Belorado und quartiere mich im private Albergue "El caminante" ein. Belen, die Wirtin, ist ein Herz von einer Hospitalera. Freundlich, auskunftswillig, alles kein Problem. Im Schlafraum etliche Betten, aber man hat Platz seine Sachen abzustellen. Wasche meine Klamotten zusammen mit den beiden Herren Luis und Antonio aus Sao Paolo. Verbringe den Nachmittag bei Tapas, Bier und Internet in der Bar "Boulevard". Pilgerabendessen bei Belen. Am Tisch die beiden Brasilianer und das französische Rentnerehepaar Francoise und Jean. Die beiden haben auch schon 1000 km auf dem Buckel. Die brasilianischen Pilger fallen aus allen Wolen, als sie von unseren Kilometerleistungen erfahren. Nette Runde, wir haben viel Spass. Abschiedsfotos.